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Ratgeber Bauordnungsrecht

Direkt an die Grenze bauen — die 9-Meter-Regel

Gartenhäuser ohne Aufenthaltsraum dürfen an die Grenze. Was die drei Bedingungen bedeuten und warum eine vorhandene Garage alles ändert.

Veröffentlicht Aktualisiert

18 Min. Lesezeit

Gartenhaus und Fertiggarage stehen nebeneinander an derselben Grundstücksgrenze

Darf ich ein Gartenhaus direkt an die Grenze bauen?

Ja, wenn es keinen Aufenthaltsraum und keine Feuerstätte enthält, die mittlere Wandhöhe 3,00 m nicht übersteigt — in Rheinland-Pfalz 3,20 m — und die Wandlänge an dieser Grenze höchstens 9,00 m beträgt. Im Saarland und in Rheinland-Pfalz sind es 12,00 m, in Hessen gilt keine Längengrenze. Über alle Grenzen zusammen sind 15,00 m zulässig, in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen 18,00 m.

Rechtsgrundlage: § 6 Abs. 8 MBO und die entsprechenden LandesvorschriftenStand: 23.10.2026

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Inhalt13 Abschnitte

Grenzbebauung heißt: ein Gebäude steht unmittelbar an der Grundstücksgrenze, ohne die Abstandsfläche einzuhalten, die sonst vor jeder Außenwand freizuhalten wäre. Alle sechzehn Landesbauordnungen erlauben das — aber nur für bestimmte Gebäude und nur bis zu bestimmten Maßen. Drei Meter Abstand zur Grenze kosten auf einem schmalen Grundstück den halben Garten. Deshalb ist die Ausnahme wichtiger als die Regel — und deshalb wird sie am häufigsten falsch angewendet.

Zwei Wege führen an die Grenze, und sie haben nichts miteinander zu tun. Der eine gilt für Gartenhaus, Garage und Carport: Gebäude ohne Aufenthaltsraum, begrenzt in Höhe und Länge. Das ist der Weg, den dieser Beitrag ausführt. Der andere gilt für das Wohnhaus selbst — bei Doppelhaushälften und Reihenhäusern der Regelfall — und hängt nicht an Maßen, sondern am Planungsrecht.

Diese drei Bedingungen sind der gemeinsame Nenner — und „9 Meter" ist der häufigste, nicht der allgemeingültige Wert. Elf Länder führen genau diese Zahlenreihe. Fünf weichen in mindestens einem der drei Maße ab, und mehrere knüpfen zusätzliche Bedingungen daran. Die Tabelle weiter unten nennt für jedes Land alle drei Maße mit Fundstelle; wer sie übersieht, hält sich für privilegiert und ist es nicht, oder verschenkt umgekehrt Spielraum.

Was privilegiert ist

Erfasst sind Garagen einschließlich überdachter Stellplätze sowie Gebäude ohne Aufenthaltsräume und ohne Feuerstätten — also das klassische Gartenhaus, der Geräteschuppen, der Carport.

Nicht erfasst sind Wintergärten und an das Wohnhaus angebaute Terrassenüberdachungen: Sie gehören zum Hauptgebäude und tragen dessen Abstandsflächen.

Auch das Wohngebäude selbst kann ohne Abstandsfläche an der Grenze stehen — bei Doppelhaushälften und Reihenhäusern ist das sogar der Regelfall, aber über eine andere Vorschrift: nicht über diese Höhen- und Längenbegrenzung, sondern über die allgemeine Abstandsflächen-Ausnahme, wenn Planungsrecht die Grenzbebauung verlangt oder erlaubt. Der Ratgeber Grenzbebauung bei Doppelhaus und Reihenhaus führt das eigenständig aus.

Bedingung 1: die mittlere Wandhöhe

Maßgeblich ist nicht die Firsthöhe, sondern die über die Wandfläche gemittelte Höhe.

Bei einem Satteldach mit 2,20 m Traufe und 3,00 m First:

(2,20 m + 3,00 m) / 2 = 2,60 m

Das liegt unter 3,00 m — zulässig. Mit 3,60 m First wären es 2,90 m, immer noch zulässig. Erst bei 3,80 m First werden es 3,00 m, und bei 4,00 m First ist die Privilegierung weg.

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Bedingung 2: die Länge je Grenze

Höchstens 9,00 m Wandlänge entlang einer einzelnen Grundstücksgrenze — kumuliert über alle Gebäude, die dort stehen.

Das ist der Punkt, an dem Vorhaben in der Praxis scheitern. Ein typischer Fall:

Tabelle mit den Spalten An der Nordgrenze und Länge.
An der NordgrenzeLänge
vorhandene Fertiggarage6,00 m
geplantes Gartenhaus4,00 m
Summe10,00 m

Zehn Meter überschreiten die zulässigen neun. Das Gartenhaus muss entweder kürzer werden, an eine andere Grenze rücken oder die volle Abstandsfläche einhalten.

Ob auch ein Grenzgebäude des Nachbarn auf dessen Grundstück auf diese 9,00 m zählt, prüft der Beitrag zum Doppelcarport auf der Grundstücksgrenze an drei Landesgesetzen und zwei Urteilen.

Bedingung 3: die Gesamtlänge

Höchstens 15,00 m über alle Grenzen zusammen. Wer an zwei Grenzen je 9,00 m bebauen möchte, kommt auf 18,00 m und überschreitet diese Summe.

Auf einem Eckgrundstück mit Garage an der einen und Gartenhaus an der anderen Grenze wird diese Grenze schneller erreicht, als es scheint.

Alle drei Maße für alle sechzehn Länder

Jede Zeile nennt die Fundstelle, an der sich die drei Werte nachlesen lassen.

Tabelle mit den Spalten Land, Mittlere Wandhöhe, Länge je Grenze, Gesamtlänge und Fundstelle.
LandMittlere WandhöheLänge je GrenzeGesamtlängeFundstelle
Baden-Württemberg3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Satz 3 LBO
Bayern3,00 m9,00 m15,00 mArt. 6 Abs. 7 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 BayBO
Berlin3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 BauO Bln
Brandenburg3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 BbgBO
Bremen3,00 m9,00 m18,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 BremLBO
Hamburg3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 HBauO
Hessen3,00 mkeine Zahl im Gesetz15,00 m§ 6 Abs. 10 Satz 1 Nr. 1 und 3, Satz 2 und 3 HBO
Mecklenburg-Vorpommern3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 LBauO M-V
Niedersachsen3,00 m9,00 m15,00 m§ 5 Abs. 8 Satz 4 Nr. 2 und Satz 5 NBauO
Nordrhein-Westfalen3,00 m9,00 m18,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 3 BauO NRW
Rheinland-Pfalz3,20 m12,00 m18,00 m§ 8 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und 3, Satz 4 LBauO
Saarland3,00 m12,00 m15,00 m§ 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4, Satz 3 und Satz 5 LBO
Sachsen3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 SächsBO
Sachsen-Anhalt3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 9 Satz 1 Nr. 1 BauO LSA
Schleswig-Holstein3,00 m9,00 m15,00 m§ 6 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 LBO
Thüringen3,00 m9,00 m18,00 m§ 6 Abs. 7 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 ThürBO

Drei Spalten, drei Lesehinweise. Die Höhe heißt nicht überall gleich: Niedersachsen misst die Höhe des Gebäudes, Baden-Württemberg die Wandhöhe, die übrigen die mittlere Wandhöhe — bei einem Satteldach führt das zu verschiedenen Ergebnissen, und der Abschnitt unten rechnet es vor. Über 3,00 m hinaus geht allein Rheinland-Pfalz. Die Länge je Grenze steht in Hessen nicht im Gesetz; an ihre Stelle tritt eine Flächengrenze, und das Saarland wie Rheinland-Pfalz nennen dort 12,00 m. Die Gesamtlänge liegt in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen höher als in den übrigen zwölf.

Wo die Länder zusätzliche Bedingungen stellen

Der Text der Musterbauordnung ist nicht überall unverändert übernommen worden. Die Tabelle nennt die Zahlen; dieser Abschnitt sagt, woher sie kommen — und nennt die Bedingungen, die sich in drei Spalten nicht fassen lassen.

Nordrhein-Westfalen, Bremen, Rheinland-Pfalz und Thüringen lassen über alle Grenzen zusammen 18,00 m statt 15,00 m zu (§ 6 Abs. 8 Satz 3 BauO NRW; § 6 Abs. 8 Satz 2 BremLBO; § 8 Abs. 8 Satz 4 LBauO; § 6 Abs. 7 Satz 2 ThürBO). Je einzelner Grenze bleibt es in Nordrhein-Westfalen, Bremen und Thüringen bei 9,00 m. Thüringen benennt in Satz 2 außerdem, was in die Summe eingeht: die Bebauung nach Satz 1 Nr. 1, 2 und 4 — Grenzgebäude, gebäudeunabhängige Solaranlagen und Wärmepumpen. Die Terrasse bis 1 m Höhe, die Nummer 5 desselben Satzes ohne eigene Abstandsfläche zulässt, bleibt außerhalb dieser Summe. In Nordrhein-Westfalen gilt diese Zahl seit dem 1. Januar 2024, und sie gilt weiter: Die Novelle, die am 1. September 2026 in Kraft getreten ist, hat an § 6 BauO NRW nach der amtlichen Fußnote nur die Absätze 1 und 4 geändert — den Absatz 8 mit der Längenbegrenzung hat sie nicht angefasst. Der nordrhein-westfälische Katalog lässt außerdem ausdrücklich Feuerstätten bis 28 kW Nennleistung in den privilegierten Gebäuden zu — die eingangs genannte Bedingung „ohne Feuerstätte" gilt dort also nicht ausnahmslos, dafür begrenzt Nordrhein-Westfalen diese Gebäude zusätzlich auf 30 m³ Brutto-Rauminhalt.

Das Saarland und Rheinland-Pfalz sind großzügiger bei genau dem Maß, das diesem Beitrag den Namen gibt: Beide erlauben 12,00 m je Grundstücksgrenze statt 9,00 m (§ 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 LBO; § 8 Abs. 8 Satz 1 Buchst. b LBauO). Im Saarland gilt die Erleichterung dafür nur für Anlagen zum Abstellen und Lagern, und der Brutto-Rauminhalt jedes einzelnen Nebengebäudes darf 30 m³ nicht überschreiten — eine Grenze, die vor der Länge greift. Rheinland-Pfalz lässt als einziges Land 3,20 m mittlere Wandhöhe zu und privilegiert nicht nur die Grenze selbst, sondern einen Streifen von bis zu 3 m davor; dort endet die Privilegierung wie in Berlin und Brandenburg bei mehr als 45 Grad Dachneigung, und der Giebel an der Grenze darf 4 m nicht übersteigen.

Berlin und Brandenburg lassen die Privilegierung entfallen, sobald die Dachneigung 45 Grad übersteigt. Beide rechnen außerdem den Dachüberstand in die 9,00 m ein: Ein Gartenhaus von 8,60 m Länge mit beidseits 30 cm Überstand schöpft die Grenzlänge bereits vollständig aus.

Hessen kennt für Gartenhaus und Garage keine Längengrenze je Nachbargrenze. § 6 Abs. 10 HBO begrenzt die Gesamtlänge auf 15,00 m und rechnet Dachüberstände ausdrücklich ein. An die Stelle der Längenbegrenzung je Grenze tritt eine Flächenbegrenzung:

Hessen rechnet in Quadratmetern, nicht in Metern

Die Länge der Grenzbebauung darf bei den Anlagen nach Satz 1 Nr. 1 bis 5 insgesamt 15 m nicht überschreiten; Dachüberstände sind einzurechnen. Bei den Anlagen nach Satz 1 Nr. 1 bis 4 darf die grenzseitige mittlere Wandhöhe über der Geländeoberfläche nicht höher als 3 m und die Fläche dieser Wände an jeder Nachbargrenze insgesamt nicht größer als 25 m² sein.

§ 6 Abs. 10 Satz 2 und 3 HBOPrimärquelle(öffnet in neuem Tab)Stand: 04.08.2026 — an der Primärquelle geprüft

Rechnerisch ist das strenger, nicht großzügiger. Bei den vollen 3,00 m mittlerer Wandhöhe ergeben 25 m² Wandfläche eine Grenzlänge von 8,33 m — also weniger als die 9,00 m, die anderswo gelten. Wer niedriger baut, gewinnt Länge: Bei 2,50 m mittlerer Wandhöhe sind 10,00 m möglich, begrenzt dann nur noch durch die 15,00 m Gesamtlänge.

Beispiel: Geräteschuppen 5,00 m lang, Traufe 2,20 m, First 3,00 m, also 2,60 m mittlere Wandhöhe. Wandfläche an dieser Grenze 5,00 × 2,60 = 13,00 m². Die Fertiggarage daneben ist 6,00 m lang bei 2,50 m Wandhöhe, also 15,00 m². Zusammen 28,00 m² — drei Quadratmeter über der hessischen Grenze, obwohl die Gesamtlänge von 11,00 m die 15,00 m klar einhält. In Nordrhein-Westfalen wäre derselbe Fall an den 9,00 m gescheitert, in Hessen scheitert er an der Fläche.

Wer diesen Ratgeber für Hessen liest, prüft also zwei Zahlen: 25 m² je Grenze und 15,00 m insgesamt. Eine Länge je Grenze nennt das Gesetz für Garagen und Gebäude ohne Aufenthaltsräume nicht. Die Angabe „9 m" findet sich in demselben Absatz trotzdem, und wer sie dort liest, verwechselt leicht zwei Dinge: Nummer 10 erlaubt gebäudeunabhängige Solaranlagen bis zu dieser Länge, Nummer 8 einen Holzlagerplatz bis 6 m. Für die Gebäude der Nummern 1 bis 4 gilt keine dieser Zahlen.

Welche Abstandsfläche ohne die Privilegierung einzuhalten wäre, führt das Landesprofil Hessen mit Formel, Mindestmaß und Gesetzeswortlaut.

Baden-Württemberg geht einen eigenen Weg und begrenzt zusätzlich die Wandfläche auf 25 m² (§ 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 LBO); außerdem stellt es auf die Wandhöhe ab, nicht auf die mittlere Wandhöhe. Weil das Land auch bei der Tiefe der Abstandsfläche und beim Mindestmaß eigene Zahlen führt, hat es weiter unten einen eigenen Abschnitt.

Niedersachsen misst die Höhe des Gebäudes, nicht die mittlere Wandhöhe (§ 5 Abs. 8 Satz 4 Nr. 2 NBauO). Bei einem Satteldach zählt damit die Firsthöhe — die Rechnung aus Bedingung 1 hilft dort nicht weiter, und die Reserve, die ein Satteldach sonst bietet, entfällt.

Bayern beschreibt die Dachanrechnung am genauesten: Bis 45 Grad bleibt das Dach außer Betracht, darüber zählt ein Drittel der Dachhöhe zur Wandhöhe, ab 70 Grad die volle Höhe (Art. 6 Abs. 7 Satz 1 Nr. 1 BayBO).

Wie weit muss es in Baden-Württemberg von der Grenze weg sein?

Für dieses Land reicht die 9-Meter-Regel allein nicht, denn die Landesbauordnung weicht in zwei Richtungen ab: Der Abstand, den ein Gebäude ohne Privilegierung einhalten muss, ist geringer als in den meisten Ländern — und die Privilegierung selbst hängt an einer Bedingung mehr. Zitiert ist die Landesbauordnung in der Fassung vom 16. März 2026, bekannt gemacht im Gesetzblatt für Baden-Württemberg 2026 Nr. 44.

Die Tiefe: ein Faktor auf die Wandhöhe, aber mindestens 2,50 m

Bezugsgröße ist die Wandhöhe, gemessen vom Schnittpunkt der Wand mit der Geländeoberfläche bis zum Schnittpunkt mit der Dachhaut oder bis zum oberen Abschluss der Wand; die Tiefe selbst wird senkrecht zur Wand gemessen (§ 5 Abs. 4 Satz 1 und 2 LBO). Auf diese Höhe wird ein Dach erst ab mehr als 45 Grad Neigung angerechnet, dann zu einem Viertel, ab mehr als 70 Grad voll; eine Giebelfläche zählt zu einem Viertel (§ 5 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 und 2 LBO). Das ist ein anderer Bruchteil als in Bayern, wo oberhalb von 45 Grad ein Drittel hinzukommt.

Was aus dieser Höhe folgt, hängt am Baugebiet.

§ 5 Abs. 7 LBO — drei Faktoren, ein Mindestmaß

Die Tiefe der Abstandsflächen beträgt 1. allgemein 0,4 der Wandhöhe, 2. in Kerngebieten, Dorfgebieten, dörflichen Wohngebieten, urbanen Gebieten, besonderen Wohngebieten und bei Antennenanlagen im Außenbereich 0,2 der Wandhöhe, 3. in Gewerbegebieten und in Industriegebieten, sowie in Sondergebieten, die nicht der Erholung dienen, 0,125 der Wandhöhe. Sie darf jedoch 2,5 m, bei Wänden bis 5 m Breite 2 m nicht unterschreiten.

§ 5 Abs. 7 LBOPrimärquelle(öffnet in neuem Tab)Stand: 15.10.2026 — an der Primärquelle geprüft

Der Faktor 0,4 ist der Normalfall, 0,2 und 0,125 greifen nur in den aufgezählten Gebietstypen. Welches Baugebiet vorliegt, entscheidet der Bebauungsplan und nicht die Bauordnung. Wer den Paragraphen in einem älteren Abdruck nachschlägt, findet in Nummer 2 womöglich eine kürzere Liste: Eine Kommentarausgabe von 2018 nennt dort nur Kerngebiete, Dorfgebiete und besondere Wohngebiete — dörfliche Wohngebiete, urbane Gebiete und die Antennenanlagen im Außenbereich stehen erst in der heutigen Fassung.

Im Garten entscheidet aber fast immer nicht der Faktor, sondern das Mindestmaß darunter. Es liegt bei 2,50 m und sinkt auf 2,00 m, wenn die Wand nicht breiter als 5,00 m ist. Ein Gartenhaus mit 2,80 m Wandhöhe käme mit dem Faktor 0,4 auf 1,12 m — maßgeblich bleiben die 2,50 m. Der Faktor übernimmt erst oberhalb von 6,25 m Wandhöhe, weil 2,50 geteilt durch 0,4 genau diesen Wert ergibt; für die schmalen Wände mit ihrem Mindestmaß von 2,00 m liegt dieser Punkt bei 5,00 m Wandhöhe. Den allgemeinen Faktor und das Mindestmaß stellt der Abstandsflächenrechner für das gewählte Land nebeneinander und nennt den maßgeblichen Wert — die beiden abgesenkten Gebietsfaktoren sind dort nicht hinterlegt.

Die Ausnahme: wen die neun Meter hier binden

§ 6 Abs. 1 Satz 1 LBO lässt vier Dinge in der Abstandsfläche und ohne eigene Abstandsfläche zu:

  1. Gebäude und Gebäudeteile mit einer Wandhöhe von nicht mehr als 1,00 m,
  2. Garagen, Gewächshäuser und Gebäude ohne Aufenthaltsräume mit einer Wandhöhe bis 3,00 m und einer Wandfläche bis 25 m²,
  3. bauliche Anlagen, die keine Gebäude sind, wenn sie nicht höher als 2,50 m sind oder ihre Wandfläche nicht mehr als 25 m² beträgt,
  4. landwirtschaftliche Gewächshäuser, die nicht unter Nummer 2 fallen, wenn sie mindestens 1,00 m Abstand zu den Nachbargrenzen halten.

Die Längenbegrenzung steht einen Satz weiter — und sie gilt nicht für alle vier.

§ 6 Abs. 1 Satz 2 bis 4 LBO — Messpunkt, Länge, Dachnutzung

Für die Ermittlung der Wandhöhe nach Satz 1 Nummer 2 ist der höchste Punkt der Geländeoberfläche zugrunde zu legen; hinsichtlich der Anrechnung auf die Wandhöhe gilt § 5 Absatz 5 Satz 1 und 2 Nummer 2 und 3 entsprechend. Die Grenzbebauung im Falle des Satzes 1 Nummer 2 darf entlang den einzelnen Nachbargrenzen 9 m und insgesamt 15 m nicht überschreiten. Der Anwendung des Satzes 1 Nummer 2 steht eine Nutzung der Dachfläche der baulichen Anlagen zu anderen Zwecken nicht entgegen.

§ 6 Abs. 1 Satz 2 bis 4 LBOPrimärquelle(öffnet in neuem Tab)Stand: 15.10.2026 — an der Primärquelle geprüft

„Im Falle des Satzes 1 Nummer 2" — mehr sagt der Gesetzgeber zum Anwendungsbereich nicht, und das ist der entscheidende Halbsatz. Die 9,00 m je Nachbargrenze und die 15,00 m insgesamt binden in Baden-Württemberg nur Garagen, Gewächshäuser und Gebäude ohne Aufenthaltsräume. Für eine Mauer, die kein Gebäude ist, und für ein Gebäude von höchstens 1,00 m Wandhöhe nennt der Paragraph keine Höchstlänge. Die „9-Meter-Regel" ist hier also keine Regel für alles, was an der Grenze steht, sondern die Begrenzung eines von vier Fällen.

Innerhalb der Nummer 2 kommen zwei Bedingungen hinzu, die vor den neun Metern greifen können. Die erste ist die Wandfläche: 25 m² sind bei 3,00 m Wandhöhe 8,33 m lang, weil 25 geteilt durch 3 diesen Wert ergibt, und die vollen 9,00 m sind erst bei einer Wandhöhe von 2,78 m erreichbar — 25 geteilt durch 9. Maßgeblich ist immer die kleinere der beiden Zahlen. Die zweite Bedingung ist der Messpunkt: Für die Wandhöhe der Nummer 2 zählt der höchste Punkt der Geländeoberfläche, auf abschüssigem Gelände also der ungünstigste und nicht ein Mittelwert.

Eine Bedingung fehlt dagegen. Nummer 2 verlangt ein Gebäude „ohne Aufenthaltsräume" und nennt die Feuerstätte nicht; in den §§ 5 bis 7 LBO kommt das Wort überhaupt nicht vor. Der Freistellungskatalog derselben Bauordnung nennt sie dagegen ausdrücklich: Dort sind Gebäude „ohne Aufenthaltsräume, Toiletten oder Feuerstätten" verfahrensfrei (Anhang 1 Nr. 1 Buchst. a LBO). Abstandsflächenrecht und Verfahrensfreiheit stellen in diesem Land also nicht dieselben Bedingungen — was ein Ofen im Grenzgebäude nach sich zieht, entscheidet nicht § 6, sondern das Feuerungs-, Immissionsschutz- und Brandschutzrecht.

Satz 4 beantwortet schließlich eine Frage, die sonst offen bliebe: Dass die Dachfläche eines solchen Grenzgebäudes zu anderen Zwecken genutzt wird, steht der Privilegierung nach dem Wortlaut nicht entgegen.

Mit Abstand heißt hier mindestens 0,50 m

Wer ein Gebäude nach § 6 Abs. 1 LBO nicht an die Grenze setzt, sondern ein Stück davor, darf nicht beliebig knapp bleiben. Hält es überhaupt eine Abstandsfläche ein, muss diese gegenüber den Nachbargrenzen mindestens 0,50 m tief sein (§ 6 Abs. 2 LBO). Zwischen null und einem halben Meter liegt damit nichts: Entweder steht das Gartenhaus an der Grenze, oder es steht einen halben Meter davon entfernt.

Am Ende sind es zwei Zahlenpaare, die nicht verwechselt werden dürfen. 2,50 m — bei Wänden bis 5,00 m Breite 2,00 m — ist das Mindestmaß der Abstandsfläche, also der Abstand, den ein Gebäude ohne Privilegierung zur Grenze halten muss. 9,00 m und 15,00 m sind keine Abstände, sondern Längen: Sie begrenzen, wie viel Wand ohne Abstandsfläche überhaupt an der Grenze stehen darf. Beide Zahlenpaare stammen aus der Landesbauordnung für Baden-Württemberg und gelten nur dort; welche Werte die anderen fünfzehn Bauordnungen führen, zeigt der Vergleich weiter oben.

Was die Privilegierung nicht leistet

Sie befreit von der Abstandsfläche. Sonst nichts.

  • Der Bebauungsplan kann Grenzbebauung eigenständig ausschließen oder Nebenanlagen auf bestimmte Flächen beschränken.
  • Das Nachbarrechtsgesetz Ihres Landes regelt Dachentwässerung, Traufabstand und Fenster zur Grenze getrennt. Regenwasser darf nicht auf das Nachbargrundstück ablaufen.
  • Die Verfahrensfreiheit ist eine eigene Prüfung. Ein Gartenhaus an der Grenze kann abstandsflächenrechtlich zulässig und gleichzeitig zu groß sein.

Verjährt eine Grenzbebauung?

Drei Fragen stecken darin.

Die Bauaufsicht. Ihre Befugnis, die Beseitigung anzuordnen, ist an keine Frist gebunden. § 80 SächsBO nennt keine, und das Wort „Verjährung" kommt in der gesamten Sächsischen Bauordnung nicht vor. Verjähren kann allein die Verfolgung der Ordnungswidrigkeit — drei Jahre nach § 31 Abs. 2 Nr. 1 OWiG, für alle sechzehn Länder ausgeführt in Ohne Genehmigung gebaut.

Der Nachbar. Sein Beseitigungsanspruch aus § 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB verjährt dagegen. Die Unverjährbarkeit von Ansprüchen aus eingetragenen Rechten greift nicht: § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB „findet auf den Beseitigungsanspruch wegen einer Störung in der Ausübung des Grundstückseigentums keine Anwendung" (BGH, Urteil vom 28. Januar 2011 – V ZR 141/10, Leitsatz). Es bleibt bei der regelmäßigen Frist von drei Jahren (§§ 195, 199 BGB; BGH, Urteil vom 22. Februar 2019 – V ZR 136/18, Rn. 12). Sie beginnt nach § 199 Abs. 1 BGB erst mit dem Schluss des Jahres, in dem der Nachbar von der Beeinträchtigung Kenntnis erlangt oder sie ohne grobe Fahrlässigkeit erlangen müsste — gerechnet wird ab Kenntnis, nicht ab Fertigstellung. Entschieden ist das für eine Deckenplatte und für überhängende Äste, nicht für ein Grenzgebäude.

Das Nachbarrecht des Landes. Sachsen hat hier eine eigene Frist, aber nur für einen Teilfall: Die drei Jahre gelten nach § 29 Abs. 2 Satz 1 SächsNRG auch für „Ansprüche auf Beseitigung einer Einfriedung, die einen geringeren als den in § 5 Absatz 1 vorgeschriebenen Grenzabstand hat". Dieser Abstand beträgt 0,6 Meter und gilt nur gegenüber einem landwirtschaftlich genutzten Grundstück, wenn beide Grundstücke außerhalb eines im Zusammenhang bebauten Ortsteils liegen. Für ein Gartenhaus oder eine Garage greift er nicht. Satz 2 setzt die Uhr zurück, wenn eine andere Einfriedung sie ersetzt.

Zwei Uhren also, unabhängig voneinander: Dass der Nachbar nicht mehr klagen kann, heißt nicht, dass das Bauamt nicht mehr einschreiten darf. Rechtswidrig bleibt der Zustand nach dem Urteil von 2011 auch danach. Wer zusieht, riskiert zudem die Verwirkung seines Abwehrrechts: Der Nachbar baut ohne Genehmigung. Und keine Frist ersetzt die Zustimmung: Dauerhaft sichert eine Grenzbebauung nur die eingetragene Baulast.

Rechnen statt schätzen

Der Grenzbebauungsrechner zieht vorhandene Grenzbauten ab und sagt Ihnen, wie viel Wandlänge an dieser Grenze noch zur Verfügung steht.

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Häufige Fragen

Wird eine vorhandene Garage angerechnet?

Ja. Gezählt wird die Gesamtlänge aller Grenzbauten an derselben Grenze. Steht dort schon eine 6,00 m lange Garage, bleiben für das Gartenhaus noch 3,00 m — unabhängig davon, wie lang es geplant war.

Was ist die mittlere Wandhöhe?

Der über die Wandfläche gemittelte Wert zwischen Trauf- und Firsthöhe. Bei 2,20 m Traufe und 3,00 m First sind das 2,60 m. Maßgeblich ist dieser Mittelwert, nicht die Firsthöhe.

Quellen und Fundstellen

Jede Angabe in diesem Beitrag steht auf einer der folgenden Vorschriften. Die Links führen an die amtliche Fassung, nicht an eine Zusammenfassung.

Rechtsgrundlage dieses Beitrags

§ 6 Abs. 8 MBO und die entsprechenden Landesvorschriften

Bundesrecht

  1. Musterbauordnung (MBO) (öffnet in neuem Tab)

    Kein geltendes Recht, sondern die Vorlage der Bauministerkonferenz, an der sich die Systematik der sechzehn Landesbauordnungen ausrichtet — § 6 Abstandsflächen, § 61 verfahrensfreie Vorhaben, § 83 Baulasten. Zitiert wird auf dieser Seite stets das Landesrecht, nicht die MBO.

LandesrechtDie 16 Landesbauordnungen im Wortlaut

Prüfdatum und Prüfstand jeder einzelnen Zeile stehen in der Quellenübersicht, jede inhaltliche Korrektur mit Datum und Begründung im Änderungsprotokoll.

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